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Presse

Wenn Angehörige Pflege brauchen

Fachtag zeigt Unterstützungsangebote für Angehörige von Menschen mit Demenz

Angehörige, die Menschen mit Demenz zu Hause pflegen, erfüllen eine gesamtgesellschaftlich wichtige Aufgabe. Als wegen des Lockdowns gewohnte Unterstützungsangebote wegfielen, wurde die bedeutende Rolle pflegender Angehöriger besonders deutlich. Der Fachtag Demenz, den das Landes-Netz-Werk Demenz in der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) in diesem Jahr digital durchführte, stellte Projekte und Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige vor und gab Anregungen, wie der Spagat zwischen Fürsorge und Selbstfürsorge gelingen kann.

„Dem Engagement pflegender Angehöriger gilt immer größter Respekt. Angehörige von Menschen mit Demenz stehen vor besonderen Herausforderungen. Wir haben in Rheinland-Pfalz mit 135 Pflegestützpunkten, über 40 regionalen Demenznetzwerken, den Gemeindeschwesternplus und zahlreichen weiteren Initiativen ein gutes Netz an Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten. Doch gerade während der Corona-Pandemie hat die Belastung für pflegende Angehörige teilweise sehr stark zugenommen“, betonte Sozial- und Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler. Neben der Erfüllung, die die Pflege von Menschen mit Demenz mit sich bringt, ist es für Angehörige wichtig, Entlastungsangebote anzunehmen und sich Auszeiten zu gönnen. „Sorgen Sie für sich! Nehmen Sie sich Zeit, Kraft zu tanken. Denn nur mit einer guten Selbstfürsorge können Sie die Sorge um Ihre Lieben gut bewältigen“, rief die Ministerin auf.

Deutschlands größter Pflegedienst

60-80 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen mit Demenz werden zu Hause betreut, 2,5 Millionen Hauptpflegepersonen sind mit ihrer Versorgung beschäftigt. Damit seien die Angehörigen Deutschlands größter Pflegedienst und zugleich selbst in vielfacher Hinsicht belastet, stellte Dr. Martin Berwig von der Universität Leipzig fest. Er zählte die Stressoren und Konflikte auf, denen pflegende Angehörige ausgesetzt sind: körperliche Belastungen, z.B. durch fehlende Ruhepausen und gestörten Nachtschlaf, seelisch-emotionale Stressoren, weil sich das eingeübte Rollenverhalten auflöst und die Kommunikationsfähigkeit schwindet, finanzielle Sorgen, Trauer um den Verlust des vertrauten Menschen sowie Konflikte, die durch die Vernachlässigung anderer sozialer Rollen ausgelöst werden. Für Erwerbstätige ist Pflege Doppelbelastung und kann Anlass sein, berufliche Pläne zurückzustellen oder gar aufzugeben. Unter all dem leidet das subjektive Wohlbefinden und die Gesundheit. Pflegende Angehörige haben 50 Prozent mehr körperliche Beschwerden als der gleichaltrige Durchschnitt der Bevölkerung, so Dr. Martin Berwig. Er nennt das Phänomen „der verborgene Patient“.

Mehrtägige Entlastungangebote

Wie können pflegende Angehörige verhindern, dass sie an den Rand ihrer Belastbarkeit kommen? Dr. Christian Hetzel vom Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH an der Deutschen Sporthochschule Köln stellte hierzu mehrtägige Entlastungs- und Unterstützungsangebote vor.  Unter dem Titel „Ich pflege – auch mich“ bietet z.B. die BARMER viertägige Kompaktseminare für pflegende Angehörige an. Die BARMER berät, wie die Pflege zu Hause während der Abwesenheit sichergestellt werden kann.

Für Pflegende, die nicht alleine wegfahren wollen, gibt es beispielsweise das Angebot „Pflege-Tandem“ der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) – eine Trainings- und Erholungswoche für Tandems aus pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen. Die pflegenden Angehörigen können an Vorträgen und Kursen teilnehmen, während die mitgereisten Pflegebedürftigen in einer Tages- oder Kurzzeitpflegeeinrichtung betreut werden.

Praktische Unterstützung zuhause

Vorgestellt wurde auch AniTa – Angehörige im Tausch, ein Projekt für Menschen, deren Eltern oder andere unterstützungsbedürftige Familienmitglieder weiter entfernt leben. AniTa kommt der Lebenswirklichkeit vieler Familien sehr entgegen: Interessierte vernetzen sich mit anderen Angehörigen und „tauschen“ die Fürsorge für eine nahestehende Person.

Ein weiteres Fachforum beschäftigte sich mit Fragen des Erhalts der Paarbeziehung, wenn die Partnerin oder der Partner an Demenz erkrankt. Die Alzheimergesellschaft Rheinland-Pfalz gab einen Einblick in die Landschaft der Selbsthilfe im Bereich Demenz. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz präsentierte ihr Informations- und Beschwerdetelefon „Pflege und Wohnen in Einrichtungen“, das pflegende Angehörige durch rechtliche Beratung entlastet. Wie auch Betriebe mittlerweile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege unterstützen, wurde am Beispiel der BASF SE gezeigt, die das Thema in ihre betriebliche Sozial- und Lebensberatung aufgenommen hat.

Dr. Matthias Krell, Geschäftsführer der LZG, begrüßte die wachsende Zahl an Angeboten, die sich in einem vollen und informativen Programm zeige. „Wir brauchen leicht zugängliche, praktikable und qualitativ gute Unterstützung für die private Pflege, um die Gesundheit der Pflegenden zu schützen“, so Krell. „Genauso wichtig wie die praktische Unterstützung ist aber auch die gesellschaftliche Anerkennung der Leistungen pflegender Angehörigen, die viel Zeit und Energie in diese Aufgabe stecken und dafür zu wenig positive Resonanz erhalten. Auch Wertschätzung trägt zum subjektiven Wohlbefinden und zur Gesundheit bei.“


V.i.S.d.P. Dr. Matthias Krell, Geschäftsführer

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