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Was ist Epilepsie?

Freitag, 1. Oktober 2021

Schätzungsweise 600.000 Menschen in Deutschland, darunter viele Kinder, leben mit Epilepsie. Dahinter stehen zahlreiche unterschiedliche Erkrankungen. Ihr gemeinsames Kennzeichen sind epileptische Anfälle, die in verschiedenen Formen auftreten. Jedes Jahr am 5. Oktober informiert ein Aktionstag über die Krankheit und macht auf die Interessen der Betroffenen aufmerksam. Das Gesundheitstelefon beschreibt die Ursachen und Auswirkungen von Epilepsie und erklärt, wie Außenstehende bei einem Anfall reagieren können.

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Schätzungsweise 600.000 Menschen in Deutschland, darunter viele Kinder, leben mit Epilepsie. Dahinter stehen zahlreiche unterschiedliche Erkrankungen. Ihr gemeinsames Kennzeichen sind epileptische Anfälle, die in den unterschiedlichsten Formen auftreten können. Jedes Jahr am 5. Oktober informiert ein Aktionstag in Deutschland, Österreich und der Schweiz über die Krankheit und macht auf die Interessen der Betroffenen aufmerksam. Denn die Diagnose Epilepsie hat erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Erkrankten.

Epilepsie ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, bei denen – in vielen Fällen wiederholt, manchmal aber auch nur ein bis zwei Mal im Leben – epileptische Anfälle auftreten. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Auch die Art der Anfälle variiert: Sie reicht von kurzen geistigen Abwesenheiten bis hin zu den schweren Krampfanfällen mit Bewusstlosigkeit.

Vorgänge im Gehirn

Epilepsie beruht auf einer Funktionsstörung im Gehirn. Milliarden von Nervenzellen steuern dort Bewegung, Sprache, Wahrnehmung und Gefühle. Die Nervenzellen sind durch elektrische und chemische Signale miteinander verbunden. Bei einem epileptischen Anfall ist das Zusammenspiel der Nervenzellen vorübergehend gestört. Das führt dazu, dass einzelne Gehirnbereiche oder das ganze Gehirn übermäßig aktiv sind und zu viele Signale abgeben – es entsteht eine Art „Gewitter im Gehirn“. Die unkontrollierte Entladung macht sich äußerlich als Anfall bemerkbar, bei dem Sprache, Wahrnehmung, Bewusstsein oder Bewegung mehr oder minder stark beeinträchtigt sein können.

Auslöser von epileptischen Anfällen

Bei Menschen mit einer Veranlagung zur Epilepsie können Anfälle durch bestimmte Reize ausgelöst werden. Dazu können Übermüdung und flackernde Lichtquellen – beispielsweise von Bildschirmen oder von Stroboskopen, die gerne in Clubs oder bei Lightshows verwendet werden – gehören. Auch Infekte oder Stoffwechselentgleisungen, z.B. starke Unterzuckerung, können Anfälle begünstigen. Zudem kann die Einnahme von Drogen, v.a. Amphetamin und Ecstasy, Anfälle auslösen. Aber auch plötzlicher Verzicht auf Alkohol bei Menschen, die sonst regelmäßig größere Mengen Alkohol trinken, wirkt anfallsfördernd.

Unabhängig von Art und Ursache der Erkrankung bedeutet die Diagnose „Epilepsie“ für die meisten Betroffenen einen erheblichen Einschnitt im Leben. Die Angst vor einem Anfall kann zur starken psychischen Belastung werden. Wenn epileptische Anfälle häufig auftreten, hat dies oft schwere Auswirkungen auf soziale Beziehungen und berufliche Möglichkeiten. Statistisch gesehen haben die Erkrankten ein erhöhtes Sterberisiko, etwa durch Unfälle während eines Anfalls. Gleichzeitig gilt: Die meisten Betroffenen können gut behandelt werden und ein weitgehend normales Leben führen.

Die Ursachen – vielfältig bis unbekannt

Die Ursache einer Epilepsie liegt immer im Gehirn. Es kann eine genetisch bedingte Veränderung dahinterstehen, aber auch eine vorübergehende Störung des Hirnstoffwechsels oder eine Hirnschädigung durch Fehlbildung oder Verletzung. Ein Hirntumor, ein Schlaganfall, eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute oder ein Schädelhirntrauma können ebenfalls Auslöser sein. In sehr vielen Fällen ist jedoch gar keine Ursache festzustellen.

Anfall ist nicht gleich Anfall

Die Symptome einer Epilepsie sind extrem unterschiedlich. Die meisten Menschen kennen nur die schwerste Form von Anfällen, bei der die Betroffenen teilweise oder vollständig das Bewusstsein verlieren, möglicherweise stürzen und Muskelkrämpfe erleiden. Deswegen wird die Erkrankung umgangssprachlich auch Fallsucht oder Krampfleiden genannt. Diese großen Anfälle können einhergehen mit einer Art „fremdgesteuerten“ Bewegungen, etwa Schmatzen oder Kauen. Die Betroffenen können während des Anfalls oft nicht auf äußere Reize reagieren.

Es gibt aber auch Anfälle, bei denen das Bewusstsein erhalten ist und die sich z.B. durch Verkrampfungen oder Zuckungen eines Arms oder Beins äußern. Diese Anfälle sind für Außenstehende kaum erkennbar.

Epileptische Anfälle können durch eine sogenannte Aura als „Vorbote“ eingeleitet werden. Dabei haben die Betroffenen ungewöhnliche Sinneseindrücke, wie z.B. Kribbeln, Sehstörungen oder ein unbestimmtes, oft als unangenehm empfundenes Gefühl im Oberbauch.

Es kann auch das Gefühl entstehen, alles schon einmal erlebt zu haben (déjà-vu), oder im Gegenteil, sich völlig fremd zu fühlen (jamais-vu).

Was tun bei einem Anfall?

Außenstehende reagieren oft panisch auf einen Anfall und wissen nicht, wie sie helfen sollen. Das oberste Gebot lautet: Ruhe bewahren. Die meisten Anfälle dauern maximal zwei bis drei Minuten. Krampft die betroffene Person, schützen Sie sie vor Verletzungen. Räumen Sie Gegenstände, an denen sie sich verletzen könnte, aus dem Weg. Stützen Sie sie ab, wenn sie fällt. Decken oder Kleidungsstücke dienen als Puffer. Auf keinen Fall sollten Sie die Person festhalten, und auch das berüchtigte „Beißholz“ als Schutz vor einem Biss auf die Zunge ist nicht zu empfehlen. Beobachten Sie als Laie einen epileptischen Anfall, sollten Sie schnellstmöglich über die Notfallnummer 112 ärztliche Hilfe holen.

Offen über die Krankheit sprechen

Viele Erkrankte sprechen nicht über ihre Epilepsie. Das ist aber gerade wichtig, um Vorbehalte und Unsicherheiten bei den Mitmenschen abzubauen und ihnen zu ermöglichen, angemessen zu reagieren. Betroffene sollten Personen, mit denen sie häufig zu tun haben, zum Beispiel im Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder im Verein, über die Möglichkeit eines Anfalls informieren und erklären, was dann zu tun ist.

Untersuchung und Behandlung

Epilepsie gehört in das Fachgebiet der Neurologie. Die Diagnostik erfolgt beispielsweise mit einem EEG, das die elektrischen Ströme des Gehirns misst. Dabei zeigen sich manchmal charakteristische Veränderungen, die auf eine Epilepsie hinweisen können. Mit bildgebenden Verfahren, wie CT oder MRT, lassen sich veränderte Strukturen des Gehirns erkennen. Über eine Blut- oder Nervenwasseruntersuchung kann eine Entzündung festgestellt werden. Auf diese Weise kommt man häufig den verschiedenen Auslösern eines epileptischen Anfalls auf die Spur.

Sind zwei oder mehr epileptische Anfälle aufgetreten oder besteht nach dem ersten Anfall nach ärztlicher Einschätzung eine hohe Wahrscheinlichkeit für erneute Anfälle, wird in der Regel ein Medikament, ein sogenanntes Antikonvulsivum (Synonym: Antiepileptikum), zur Langzeittherapie verordnet. 60 bis 70 Prozent der Betroffenen sind unter der Einnahme eines solchen Medikaments oder einer Kombination mehrerer Medikamente anfallsfrei.

Prävention

Prävention heißt hier, dem Auftreten von Anfällen bei bestehender Epilepsie vorzubeugen. Die Erkrankung Epilepsie selbst präventiv zu verhindern, ist in vielen Fällen, etwa wenn es sich um eine genetisch bedingte Epilepsie handelt, nicht möglich.

Manche Arten von Epilepsie sind allerdings durch Gehirnerkrankungen ausgelöst, deren Auftretenswahrscheinlichkeit durch einen gesunden Lebensstil reduziert werden kann. So kann es z.B. nach einem Schlaganfall zu epileptischen Anfällen kommen. Das Risiko für einen Schlaganfall lässt sich u.a. durch gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Verzicht auf Rauchen reduzieren.

Wenn eine behandlungsbedürftige Epilepsie diagnostiziert wurde, ist die zuverlässige Einnahme des verordneten Medikaments sehr wichtig, um weiteren Anfällen vorzubeugen. Zudem sollten anfallsauslösende Faktoren vermieden werden. Betroffene sollten z.B. auf regelmäßigen, ausreichenden Nachtschlaf achten sowie körperliche und psychische Extrembelastungen vermeiden. Auf übermäßigen Alkoholkonsum und jedweden Drogenkonsum sollte unbedingt verzichtet werden. Wenn individuell anfallsauslösende Reize bekannt sind – das kann z.B. Flackerlicht sein – müssen sich Epilepsiekranke von diesen konsequent fernhalten.

Beratung und Selbsthilfe

Neben der medizinischen Behandlung kommt auch eine psychologische Begleitung in Frage. Selbsthilfegruppen unterstützen zudem den Austausch unter Betroffenen und leisten wichtige Hilfe bei der Bewältigung von Lebensfragen – auch für Eltern von betroffenen Kindern.

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Beatrice Wagner, beatrice-wagner.de / Susanne Schneider, freistil-texte.de
Redaktion: Birgit Kahl-Rüther, Mail: bkahl@lzg-rlp.de

Weiterführende Links

Die Deutsche Epilepsievereinigung bietet vielseitige Informationen und Seminare zum Leben mit Epilepsie.

Selbsthilfe in Rheinland-Pfalz

 


 

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