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Besser als man denkt: Das Gehirn im Alter

Montag, 16. Dezember 2019 bis Freitag, 3. Januar 2020

Mit den Jahren nehmen so manche Beschwerden zu und das Alter fordert seinen Tribut. Was jedoch viele Menschen nicht wissen: Unser Gehirn altert nicht, ganz im Gegenteil. Laut Erkenntnissen aus der Hirnforschung hat das Gehirn das Potenzial, mit zunehmendem Alter immer besser zu arbeiten. Man muss es nur richtig trainieren und nutzen.

Gehirnzellen regenerieren lebenslang

Früher dachte man, nur in jungen Jahren könnten sich Gehirnzellen neu bilden. Diese Ansicht ist widerlegt worden. Forschungen zeigen, dass im Hippocampus – das ist die Region des Gehirns, die für das Lernen zuständig ist – bis ins Alter immer wieder neue Gehirnzellen entstehen. Auch die Fähigkeit, sich untereinander zu vernetzen, verlieren Gehirnzellen nicht. Beide Vorgänge sind Voraussetzungen dafür, etwas Neues zu lernen. Bei hirngesunden Menschen, die nicht an neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson leiden, gibt es zudem keinen Zeitpunkt, an dem die Nervenzellen im Gehirn in größerem Ausmaß absterben.

Dies alles befähigt uns dazu, unser Gehirn bis zum Schluss zu nutzen. Der Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ mag für Lebensgewohnheiten und Vorlieben gelten, nicht aber für unsere Fähigkeit, neue Dinge zu lernen. Denn das Gehirn funktioniert wie ein Muskel: Wird er regelmäßig gebraucht und trainiert, bleibt er stark und einsatzfähig. Lebenslanges Lernen ist also keine Utopie. Wer geistig aktiv bleibt und dem Gehirn im Alter immer wieder neue Aufgaben stellt, dem setzt es keine Grenzen.

Wer denkt besser: Ältere oder Jüngere?

Ältere Menschen punkten mit ihrer sogenannten kristallinen Intelligenz. Das ist all das Schul-, Ausbildungs- und Allgemeinwissen, das sich ein Leben lang angesammelt hat, mit Erfahrungen und Erkenntnissen angereichert wurde und sich in einer guten Ausdrucksfähigkeit niederschlägt. Bis ins Alter ist eine kontinuierliche Steigerung der kristallinen Intelligenz zu verzeichnen. Wer über ein hohes Ausmaß an kristalliner Intelligenz verfügt, kann neue Informationen gut einbetten und vernetzen.

Jüngere Menschen haben einen anderen Vorteil beim Lernen. Sie weisen eine höhere fluide Intelligenz auf: Sie sind geistig beweglich und kreativ, können logisch und um die Ecke denken, haben eine große Vorstellungskraft, ein hohes Lerntempo und Problemlösungskompetenzen.

Beide Arten von Intelligenz sind wertvoll und beeinflussen sich gegenseitig. In einer Dreigenerationengesellschaft sind beide gefragt: sowohl das sprudelnde Denken der Jungen als auch das von Lebenserfahrung geprägte und hinterfragende Wissen der Alten. Unterstützt werden sie durch die mittlere Generation, die sich vor allem durch ihren Durchhaltewillen auszeichnet.

Veränderungen im Alter

Mit dem Älterwerden stellen sich gleichwohl Veränderungen ein. In der Jugend prägt man sich einen Lernstoff leichter ein als im Alter. Andererseits nehmen mit dem Älterwerden Konzentrationsvermögen und Frustrationstoleranz zu. Das hat Vorteile: Man lernt gründlicher. Flüchtigkeitsfehler, das Zeichen der Jugend, unterlaufen Älteren nicht mehr so schnell. In einer sehr interessanten Studie wurden jüngere und ältere Menschen dabei beobachtet, wie sie eine Sprache lernen wollten. Sie zeigte: Mit 80 ist man genauso schnell wie mit 18. Denn die einen lernen zwar langsamer und die anderen schneller, aber der Schnelligkeitsvorteil der Jüngeren wird durch die Gründlichkeit der Älteren ausgeglichen. Die Jüngeren müssen also „Nachlernen“. Summa summarum kann man davon ausgehen, dass beide Altersgruppen die neue Sprache gleich schnell intus haben werden.

Dennoch es gibt einen kleinen Wermutstropfen: Die Ebenbürtigkeit zwischen Jung und Alt im Denken und Lernen gibt es nicht zum Nulltarif. Es geht nicht ohne Training. Wer seine Tage ausschließlich vor TV-Seifenopern verbringt, wird tatsächlich geistig abbauen. Wer sich jedoch täglich neuen geistigen Herausforderungen stellt, wird auch mit 80 Jahren und mehr noch geistig aufblühen.

Tipps, um das Gehirn zu trainieren

Lernen Sie jeden Tag mindestens eine Stunde aktiv etwas Neues. Aber machen Sie dies auch nicht zu lange, denn unser Gehirn hat einen Ruhe-Aktivitätsrhythmus. Der dauert bei Erwachsenen 90 Minuten, bei Kindern 60.  Danach sollte man eine Pause machen – Erwachsene mindestens 5 Minuten, Kinder mindestens 15 Minuten.

Den Drei-Sekunden-Takt des Gehirns trainieren: Diese Spanne ist die Gegenwart, auf die sich das Gehirn konzentriert. Gedichtzeilen und Musikstrophen sind in diesem Rhythmus aufgebaut. Lernen Sie also täglich Gedichte oder Lieder auswendig, indem Sie sie laut aufsagen oder singen. Sie werden schnell merken, dass Sie dabei immer schneller werden. Sie stabilisieren damit neuronale Zeitprozesse – die Grundlage aller Denk- und Entscheidungsprozesse.

Konkrete Ziele setzen: Wenn Sie mit dem Training beginnen – indem Sie zum Beispiel eine neue Sprache lernen oder sich die Fakten eines Sachbuches einprägen – dann setzen Sie sich jeden Tag ein Ziel. Vielleicht wollen Sie sich bis zum Abend 10 Vokabeln merken oder Sie wollen drei Seiten des Buches verstehen. Sobald Sie Ihr Ziel erreichen, wird Ihr Belohnungssystem aktiviert: Das Hormon Dopamin wird ausgeschüttet. Das fühlt sich so gut an, dass Sie am nächsten Tag wieder motiviert sind, auf Ihr nächstes Ziel hinzuarbeiten.

Den Lernaufgaben einen Sinn geben: Lernen Sie Griechisch, wenn Sie gerne nach Griechenland in Urlaub fahren. Prägen Sie sich den Weg zu einem Termin ein, anstatt das Navigationsgerät einzuschalten. Wir lernen lieber und leichter, wenn wir das Gelernte hinterher nutzen können.

Inneres Tagebuch führen: Überlegen Sie sich jeden Abend, was Sie an diesem Tag erlebt haben, holen Sie sich die Bilder vor Ihr geistiges Auge. Indem Sie sich die Tagessituationen noch einmal anschauen, bleiben sie länger in Ihrem Gedächtnis verhaftet. Gleichzeitig stärken Sie damit Ihr Langzeitgedächtnis.

Tolerant zu sich selbst sein: Wer in jungen Jahren etwas vergisst, zuckt mit den Schultern und geht zum nächsten Thema über. Wer in älteren Jahren etwas vergisst, fragt sich: „Habe ich jetzt Alzheimer?“. Möglicherweise vergessen Jung und Alt gleich viel, aber sie werten es anders. Und falls Sie das Vergessen doch plagt, dann denken Sie daran: Auch das Vergessen ist wichtig. Denn wir vergessen vor allem Ungutes. Und das tut uns gut, denn es macht das Gehirn frei für neue positive Erlebnisse.

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, www.beatrice-wagner.de
Redaktion: Birgit Kahl-Rüther


Weiterführende Links

Warum es sich lohnt, auch im Alter sein Gehirn anzustrengen: Ein motivierendes Buch aus Sicht der Hirnforschung von Ernst Pöppel und Beatrice Wagner

Über die kristalline Intelligenz

Über das Gehirn im Alter: Weise Greise

 


 

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